Meine Damen und Herren,

Mein Name ist Erol Uyar. Ich lebe in Istanbul und bin Dersus Onkel. Ich weiß nicht, vielleicht sollte ich die Vergangenheitsform wählen; die Erinnerungen sind noch so frisch, spräche ich in der Vergangenheit, so hätte ich das Gefühl, ich würde ihn noch einmal verlieren oder würde ihn eigentlich erst richtig verloren haben. Wir – die Familien Scheffler und Uyar – haben unseren Kleinsten, unseren Sohn und Enkel, unseren Neffen, Cousin, unseren Liebling, unseren Dersu verloren. Nicht bei einem Unfall. Ich nenne es nicht so. Unter einem Unfall verstehe ich etwas anderes. Aus meiner Sicht handelt es sich um ein durch einige in Berlin geltende Verkehrsregeln verursachtes Verbrechen. Genauer: um eines von mehreren Verbrechen. Der Chauffeur ist nicht schuldlos, nur, dass er die Schuld nicht alleine trägt. Verantwortlich sind Ihre Verkehrsregeln und diejenigen, die diese verabschiedet haben; Regeln, die Ihre Menschen und Kinder (unsere Kinder) den Gefahren durch Autos und riesige Lkws aussetzen; Regeln, die das Leben Dersus und Ihrer Menschen von der Initiative und Einsicht der Fahrer abhängig machen.

Wie bereits gesagt, ich lebe in Istanbul. Der Verkehr in Istanbul ist wohl einer der schlimmsten der Welt, sie werden es wissen. Es geht völlig chaotisch zu. Diejenigen, die sich an Regeln halten, lassen sich an einer Hand abzählen. Und dennoch – wissen Sie, was wir bei all diesem Chaos nicht machen?

1. Eine direkte, regelbedingte Konfrontation von Mensch und Fahrzeug findet nicht statt! Menschliches Leben wird nicht von der Gnade der Fahrer abhängig gemacht! Parallele Grünschaltungen für Fußgänger und rechts abbiegende Fahrzeuge gibt es nicht.
2. Innenstädte sind für schwere Lkws ohne Sondererlaubnis gesperrt. Menschen kommen dadurch nicht so leicht mit derlei Fahrzeugen in Berührung.

Was aber geschieht bei Ihnen? In Ihren Innenstädten bewegen sich riesige Lkws völlig ungehindert und bringen Ihre Kinder, Ihre Menschen in Gefahr. Indem Sie Fußgängern und rechts abbiegenden Fahrzeugen gleichzeitig Grün gewähren, legen Sie das Schicksal Ihrer Kinder, Ihrer Bürger in die Hand der Autofahrer. Kommt es Ihnen denn gar nicht in den Sinn, dass ein Fahrer einmal nicht anhalten könnte? Denken Sie denn nicht daran, dass ein Fahrer aus den unterschiedlichsten Gründen einmal einfach weiterfahren und Ihr Kind überfahren könnte? Weil er an diesem Tag müde oder übernächtigt ist? Weil er sich krank fühlt oder zu viel getrunken hat? Weil er gereizt oder im Streit losgefahren ist? Offenbar dachten Sie bisher nicht daran. Andernfalls hätten Sie den Tod so vieler Menschen in all den Jahren nicht einfach hingenommen. Vergangenen Monat besuchte ich die Stelle, an der Dersu ums Leben kam. Dabei fiel mir eine Tafel mit folgendem Hinweis auf:

„2001 – 10 Opfer, 2002 – 18 Opfer, 2003 – 24 Opfer, 2004 – bisher 4 Opfer“

Das heißt, in den letzten dreieinhalb Jahren sind 56 Fahrradfahrer auf dieselbe Weise zu Tode gekommen. Das ist nackter Terror! Und was tun Sie dagegen? Nichts! Für mich ist das unfassbar. Ihre Passivität, das Stillschweigen der Berliner Bevölkerung – ich kann es einfach nicht verstehen. Zumal an diesem Tag bei einem ähnlichen Unglück noch ein weiteres Opfer zu beklagen gewesen war. Es ist schlicht unbegreiflich.

Derzeit ist bei Ihnen die Außenspiegel-Debatte im Gang. Kinder sammeln Geld und versuchen Lkw-Besitzer zu bewegen, den so genannten Dobli-Spiegel an ihren Wagen anzubringen. Weil sie leben wollen, Leben retten wollen. Sie jedoch machen noch nicht einmal diese Spiegel zur Pflicht. Dabei müsste Sie diese Aktion der Kinder beschämen, haben diese doch damit mehr Nachdenklichkeit als Sie bewiesen.

Indes frage ich mich, inwieweit der fragliche Spiegel das Problem lösen kann? Zwar verringert er den toten Winkel und mag so in der Tat einige Unfälle verhüten helfen. Was aber geschieht mit den Menschen, die, durch Grün sich sicher wähnend, indisponierten, betrunkenen oder einfach nur gestressten Fahrern vor den Wagen laufen? Sie reden immer von Statistiken und davon, die Todesquote senken zu wollen. Merken Sie überhaupt, was Sie da tun? Was bedeutet das denn, wenn Sie 50% weniger Tote haben? Lässt es Sie etwa ruhiger schlafen, wenn statt 100 Kindern nur noch 50 Kinder sterben?

Ist der Tod auch nur eines Kindes nicht schon schrecklich genug?

Unfälle können jederzeit an jedem Ort geschehen. Unfall nenne ich es jedoch nur, wenn Fußgänger und Radfahrer den Fahrzeugen nicht regelrecht ausgeliefert werden. Sonst aber, wie im Falle Ihrer Rechtsabbieger-Regelung, nenne ich es Mord. Ändern Sie diese Regelung. Auch wenn Sie dadurch vielleicht Zusammenstöße von Fahrzeugen in Kauf nehmen müssen. Wagen – im Gegensatz zu Menschen – können repariert werden. Oder stellen Sie die Unversehrtheit von Autos etwa über die von Menschen? Schüchtert Sie gar die Macht der Autolobby ein?

Ich frage Sie:

Wie viele Kinder wollen Sie noch dem Verkehrsfluss opfern?

Wann ändern Sie diese unselige Rechtsabbieger-Regelung, die Autos und Fußgängern/Radfahrern parallele Grünphasen beschert und Autofahrer über das Schicksal ungeschützter Menschen befinden lässt?

Wann begreifen Sie endlich, dass jedes Opfer dieser Verkehrsregelung ein Opfer zu viel ist?

Wann und wo beginnt die Liebe zu Ihren Kindern?


Erol Uyar
Istanbul/Türkei
Dersus Onkel