Von Semlin nach Chile

Das hätte Ricardo Moses in Chile sich nie träumen lassen:

Dass ihn mal eine Facebook-Nachricht aus dem fernen Semlin erreicht.

Doch mit unserem kleinen Dorf verbindet ihn allerhand: Denn seine Großeltern waren Richard Moses und Gertrud Conitzer, die Besitzer des Rathenower Kaufhauses Conitzer – und Juden. Als der Rassenhass und die Ausgrenzung durch die Rathenower Nazis immer größer wurden,  suchte das Ehepaar Moses mit den Kindern Heinz, Ellen und Peter Zuflucht in Semlin. Sie mieteten eine Wohnung in Schloss Lötze. Doch die Repressalien und Misshandlungen nahmen zu; 1938 kam Richard Moses in „Schutzhaft“, wurde aber wieder entlassen.

Gertrud war schwanger und hatte furchtbare Angst. Die beiden verkauften alles, was sie besaßen, um die monströse „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können, mit der die Nazis Fluchtwillige vor der Abreise wirtschaftlich ausplünderten.  Es war auch damals nicht leicht, ein Land zu finden, das Flüchtlinge aufnahm, doch 1939 gelang den beiden – mit dem 6 Monate alten Denny – die Flucht nach Chile.

Richard Moses starb 1951 mit nur 64 Jahren; Gertrud wurde stolze 95 Jahre alt und starb 1996 als bekannte Fotografin. Der kleine Denny – der einmal im Leben Berlin besucht hat vor vielen Jahren – ist heute 79 Jahre alt, und Ricardo Moses ist sein Sohn und hat selbst längst Kinder, die sich als Chilenen fühlen und für die das Leben ihrer Großeltern in Rathenow und Semlin nur weit zurückliegende Vergangenheit in einem barbarischen Land zu einer barbarischen Zeit ist.

Im Fotoalbum fanden sich noch diese zwei Fotos von Richard und Gertrud. Und wenn er mal nach Deutschland kommt, haben wir uns mit Ricardo zu einem Besuch Semlins fest verabredet.

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